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Interview mit Manfred Quiring:
09 Ekim 2012 Salı Saat 23:44
J. Tamszuqo: Herr Quiring, vielen Dank, dass Sie sich bereit erklärt haben zu einem Interview. Dieses Interview ist für uns besonders wichtig, weil Sie jemand sind, der die Geschichte und die aktuelle politische Lage im Kaukasus sehr gut kennt und uns den Blick eines außenstehenden Experten auf uns selber geben kann. Vorab würde ich aber gerne erfahren, wie es dazu kam, dass Sie sich für den Kaukasus und seine Völker interessierten und wie oft Sie bereits den Kaukasus bereist haben und welche Regionen es waren.

Manfred Quiring: Für den Kaukasus begann ich mich bereits in den Achtzigerjahren zu interessieren, als ich erstmals als Korrespondent in der damaligen Sowjetunion tätig war. In den Jahren besuchte ich Georgien, Armenien und Dagestan. In den Neunziger Jahren, nach dem Zerfall der Sowjetunion überschlugen sich die Ereignisse. Der aserbaidschanisch-armenische Konflikt um Nordkarabach brach offen aus, im Nordkaukasus waren es vor allem die beiden Kriege, die Russland gegen Tschetschenien führte, die die Aufmerksamkeit auf sich zogen. Ich war in den Jahren mehrfach in Tschetschenien und Inguschetien. Auch den georgisch-russischen Konflikt 2008 verfolgte ich aus unmittelbarer Nähe. Bereist habe ich dann erneut Dagestan, aber auch den Krasnodarski Kraj, wo heute die kleine autonome Republik Adygej an die große Vergangenheit des tscherkessischen Volkes erinnert, das in den zu Russland gehörenden Republiken Karatschai-Tscherkessien und Kabardino-Balkarien zur Minderheit geworden ist. Mich fasziniert die kulturelle und sprachliche Vielfalt der kaukasischen Völker, ihre tragische Geschichte, ihre überwältigende Gastfreundschaft. 

J.T.: Wie schätzen Sie die wirtschaftliche, soziale und politische Zukunft Russlands und des Kaukasus ein, angesichts der hohen Energiepreisabhängigkeit Russlands, der wachsenden inneren Spannungen und der sich nun artikulierenden Anti-Stimmung gegen den Putinismus? Wird es Ihrer Einschätzung nach bedeutsame Änderungen in den nächsten Jahren geben? Wie könnte sich das auf den Kaukasus auswirken?

M.Q.: Russland hat in den vergangenen Monaten die größten Protestdemonstrationen seit dem Ende der Sowjetunion erlebt. Die Menschen sind es leid, dass der Präsidentenposten praktisch per Handschlag von Putin auf Medwedjew und wieder zurück übergeben wird. Sie sind es leid, dass Wahlen manipuliert und sie um ihre Stimmen betrogen werden. Sie sind wütend über die Korruption, die jedes vorstellbare Maß überschreitet, und sie sind der Willkür des Staatsapparates, der Staatsbürokratie, überdrüssig.

Zwar habe Putins Reorganisation der Machtstrukturen die Umverteilung und Privatisierung staatlichen Eigentums nach sich gezogen, das „änderte aber nichts am geschlossenen Charakter dieser Bereiche“, befindet der Soziologe Lew Gudkow. „Nach wie vor bleiben sie nichtöffentlich, der gesellschaftlichen Kontrolle entzogen. Die materiellen Interessen der aktivsten und am besten organisierten Gruppen – Beamte und Geschäftsleute – hängen heute in erster Linie von ihrem Kontakt zum Machtapparat sowie dem daraus resultierenden Genuss von Privilegien und Vergünstigungen ab, nicht aber von einem effektiven Funktionieren von Wirtschaft und Verwaltung.“ Die erreichten Positionen können ausschließlich im Einvernehmen mit der Staatsmacht gesichert und ausgebaut werden.

Das hat für die dringend notwendige und sowohl von Noch-Präsident Dmitri Medwedjew als auch seinem wahrscheinlichen Nachfolger Wladimir Putin verbal immer wieder beschworene Modernisierung Russlands verheerende Folgen. Sie wird zum Spielball der herrschenden Eliten, denen es lediglich um den Machterhalt geht, um Rohstoffe und Energieträger im Interesse der herrschenden Kaste auszubeuten. Russland ist gerade dabei, seine Zukunft zu verspielen.

Russlands Strukturen ähneln heute eher dem feudalistischen Prinzip, in dem Privateigentum vom Herrscher „gewährt“ wird, solange der Eigentümer sich loyal verhält. Privateigentum an Industriekapital ist eher so etwas wie ein Lehen, über das der Besitzer so lange verfügen darf, wie er die Bedürfnisse seines (oder seiner) Lehensherren bedient. Dazu gehört in erster Linie das Prinzip, die Politik dem Kreml zu überlassen.

Dieses bislang herrschende Prinzip wurde zwar durch die Demonstranten in Frage gestellt, aber es existiert weiter. Solange die Herrschenden in Russland, gestützt auf hohe Rohstoffpreise, über genügend Mittel verfügen, das Volk mit Almosen ruhig zu stellen, wird sich kaum etwas bewegen. Zumal die Masse der russischen Bevölkerung, darüber sollten die Demonstrationen nicht hinwegtäuschen, weitgehend unpolitisch ist. Ich würde es schon als Erfolg der Demokratiebewegung ansehen, wenn Putin erst im zweiten Wahlgang gewählt würde.

Für den Kaukasus gilt zunächst Ähnliches. Der Kreml hat mit Gewalt und finanziellen Zuwendungen regionale Statthalter wie Ramsan Kadyrow in Tschetschenien oder Junus-Bek Jewkurow in Inguschetien installiert, die im Interesse Moskaus für eine gespenstische Ruhe in den nordkaukasischen Regionen sorgen, die allerdings ständig von Anschlägen überschattet wird. Da die Budgets der russischen Nordkaukasus-Republiken zu 70 bis 100 Prozent aus Mitteln der Zentrale gespeist werden, dürfte sich in absehbarer Zeit dort äußerlich kaum etwas ändern – vorausgesetzt, die Finanzströme fließen weiter. Unter der Oberfläche allerdings hat der Prozess des Abdriftens von Russland längst begonnen. Der Kreml kontrolliert die Region nur noch pro forma. Man spricht bereits von „Moskaus Zone der Ohnmacht“.

Es gibt beispielsweise keine Garantie, dass die Loyalität Kadyrows gegenüber Moskau die Zeiten überdauert. Mir sagte ein hochrangiger Mitarbeiter der Regierung in Grosny, Russland werde in absehbarer Zeit zerfallen, Kadyrow suche deshalb schon jetzt vorsichtig nach neuen Partnern im Nahen Osten. 

Russische Nationalisten wie der Kopf der nationalistischen „Bewegung gegen illegale Migration“, Alexander Below, sagen mittlerweile, Russland solle Tschetschenien und den gesamten Nordkaukasus aufgeben, weil dieser nicht integriert werden könne. Dann erspare man sich den Tod russischer Soldaten im Nordkaukasus und Anschläge in Kernrussland. Strategisch kontrollieren lasse sich die Region allemal. Einen ähnlichen Standpunkt hatte der inzwischen verstorbene Schriftsteller Alexander Solschenizyn schon in den Neunzigerjahren vertreten.

J.T.: In den Russland-Analysen Nr. 224 vom 15.07.2011 wird berichtet, dass sich eine neue, nach Europa ausgerichtete und an Demokratie und Rechtstaatlichkeit orientierte Mittelschicht zu entwickeln beginnt. Sehen Sie diesen Trend weiter gehend? Welche Veränderungen könnte das auf das Zusammenleben der verschiedenen Völker und der Beachtung von indigenen Rechten in der Russischen Föderation haben?

M.Q.: Ich bin sehr skeptisch, was Aussagen über eine wachsende Mittelschicht in Russland und ihren positiven Einfluss auf die Entwicklung des Landes angeht. Schon über ihre Stärke gibt es große Differenzen. Je nach Forschungsansatz wird ihr Anteil an der Bevölkerung mal mit sieben, dann wieder mit 40 Prozent angegeben. Letztere Zahl muss man sicher im Zusammenhang damit sehen, dass die russische Führung die Forderung aufgestellt hat, den Bevölkerungsanteil der Mittelschicht bis 2020 auf 60 Prozent zu steigern. Im vorauseilenden Gehorsam werden da schon mal die Zahlen geschönt.

Der Einfluss dieser Schicht, wie groß sie auch immer sein mag, darf auch deshalb nicht überschätzt werden, weil ihre Vertreter höchst verwundbar sind. Kleinunternehmen, Handel- und Gewerbetreibende sind der Willkür der örtlichen Behörden ganz direkt ausgesetzt, sie sind gezwungen sich zu arrangieren. Widerstand gegen die Staatsmacht irgendwo im weiten Land endet in der Regel mit dem Verlust des Eigentums. Noch-Präsident Medwedjew hatte schon vor Jahren gefordert, die Staatsbürokratie müsse aufhören, die Unternehmen „zu erschrecken“ („koschmaritj“ – von franz. Alptraum). Das wurde vernommen, geändert hat sich nichts.

In den Kaukasusrepubliken waren Handel und Gewerbe traditionell stark entwickelt. Doch die Bedingungen heute sind für die Vertreter der Mittelschicht höchst schwierig. Sie sind dem „üblichen“ Druck der Behörden ausgesetzt, die Korruption dort ist besonders hoch. Clan-Strukturen sind zwar einerseits hilfreich für das Überleben einzelner Gruppen, wirken aber generell wie ein Korsett, dass eine Weiterentwicklung behindert.

J.T.: Für uns Tscherkessen hat es in den letzten 22 Jahren einige wichtige politische und gesellschaftliche Entwicklungen gegeben:

  • Die Öffnung des Kaukasus nach dem Zerfall der Sowjetunion,
  • die anschließende Sich-Annäherung von Heimatverbliebenen und Diaspora-Tscherkessen,
  • die Kommunikations- und Informationsmöglichkeiten der neuen Medien, insbesondere des Internets,
  • die Entwicklung der Türkei in Richtung eines Mehr an Demokratie und Menschenrechten,
  • die starke Assimilation in der Diaspora,
  • die desolate Menschenrechtslage im Nordkaukasus,
  • die anstehende Winterolympiade in Sotchi, als letzter Hauptstadt Tscherkessiens,
  • die Anerkennung des Tscherkessichen Genozids durch Georgien
  • und nicht zuletzt auch der „arabische Frühling“ .

Dies alles hat viel Bewegung in die Tscherkessiche Politik gebracht. Angesichts der bis heute dauernden Nachwirkungen des erlebten Genozids im 19ten Jahrhundert, der Vertreibung aus der Heimat und des überall wahrzunehmenden Assimilationsdrucks, sehen viele Aktivisten die einzige Überlebensmöglichkeit des Tscherkessichen Volkes darin, sich wieder zu einer eigenen Nation in der Heimat zu entwickeln und im Wiederaufbau Tscherkessiens. Wie denken Sie, würden sich Europa oder einzelne wichtige Staaten Europas zu dieser Bestrebung stellen – auch vor dem Hintergrund, dass Tscherkessien in der Vergangenheit durchaus im Europäischen Interessenbereich lag?

M.Q.: Über den Leidensweg des tscherkessischen Volkes in den vergangenen 300 Jahren ist in der Öffentlichkeit viel zu wenig bekannt. Ich halte es deshalb für außerordentlich sinnvoll und richtig, die bevorstehenden olympischen Winterspiele in Sotschi 2014 zu nutzen, um auf die Probleme der Tscherkessen (der Adigej) in Russland  und der Diaspora aufmerksam zu machen. Das wird in Europa sicher auf Sympathie und Mitgefühl stoßen.

Äußerst problematisch dagegen dürfte die Absicht sein, eine einheitliche tscherkessische Nation und – noch brisanter – ihre Rückkehr in einstige Siedlungsgebiete anzustreben. So verständlich das Anliegen auch sein mag, es würde von Russland als Angriff auf die territoriale Integrität angesehen, als Versuch, die ohnehin desolate Lage im Kaukasus zu destabilisieren. Daran haben auch die europäischen Staaten kein Interesse. Sie würden sich im Zweifelsfalle eher für Russland entscheiden, das zwar seinen Großmachtstatus verloren hat, aber immer noch eine wichtige Rolle in Europa und der Welt spielt. Vor allem in der gegenwärtigen Lage, da die Europäische Union vor einer ungeheuren Zerreißprobe steht, werden sich wohl kaum Befürworter der tscherkessischen Idee finden, die ja im Kern eine Neuordnung des Kaukasus bedeuten würde.

J.T.: Welche Organisationen und politischen Einrichtungen – im deutschen, europäischen und internationalen Bereich - sind Ihrer Einschätzung nach am passendsten, um unsere Anliegen vorzutragen? OSZE, UNO, Europäisches Parlament, Bund, …?

M.Q.: In dem Maße, wie sich das tscherkessische Volk, die gesamte Diaspora, organisatorisch festigt, wachsen auch die Chancen, bei internationalen Organisationen und nationalen Parlamenten Gehör zu finden. Das Europaparlament (Werner Schulz), der deutsche Bundestag oder der Europarat sind da sicher geeignete Ansprechpartner. Angesichts des weitreichenden internationalen Aspekts sicher auch die UNO.

J.T.: Viele Tscherkessen teilen eine eher pessimistische Sicht auf Europa. Man erinnert sich an den Tscherkessisch-Russischen Krieg im 18ten und 19ten Jahrhundert und hat die Vorstellung, damals von europäischen Staaten, zu deren politischen Zwecken und zur Schwächung der Russischen Expansion geopfert wurden zu sein. Was meinen Sie zu dieser historischen Aussage und welche Relevanz hätte das noch bezüglich des heutigen Europas?

M.Q.: Die europäische Politik des 18. Und 19. Jh. war natürlich Machtpolitik. Ja, man hat sich der Tscherkessen bedient, um Russland zu schwächen. Und als das nicht gelang, ließ man die Tscherkessen fallen. Die heutige Politik ist sicher um wichtige Aspekte bereichert worden, beispielsweise haben die Menschenrechte einen deutlich höheren Stellenwert. Und in diesen Bereichen – Menschenrechte, kulturelle Identität, Bildung – dürfen die Tscherkessen sicher auf Unterstützung rechnen. Doch bei politischen Forderungen wird es sich erweisen, dass auch heute Interessenpolitik betrieben wird. Bei aller Skepsis und Distanziertheit zur russischen Führung glaube ich doch, dass alle Versuche zur Lösung der Probleme der Tscherkessen eher mit als gegen Moskau gesucht werden sollten.

J.T.: Am 20.05.2011 hat das Georgische Parlament als erster unabhängiger Staat die Verbrechen des Zaristischen Russlands als Genozid anerkannt. Was meinen Sie, können die Folgen davon sein? Wird sich das eher stärkend oder negativ auf eine mögliche Lösung der „Tscherkessichen Frage“, also der Aufarbeitung der Vergangenheit und der politischen Stärkung der Tscherkessen auswirken? Immerhin gibt es auch in unseren eigenen Reihen einige Skeptiker dieser Entscheidung.

M.Q.: Das möchte nicht überbewerten. Für Saakaschwili ist das eher ein weiterer Versuch, Russland weitere Nadelstiche zu versetzen. Und da Russland das auch entsprechend bewertet, glaube ich, dass die Entscheidung des georgischen Parlaments nicht hilfreich ist. Die Dramatik, die Tragik des Schicksals der Tscherkessen existiert mit allen damit zusammenhängenden Folgen unabhängig davon, ob internationale Gremien das als Genozid anerkennen wollen oder nicht. Das sollte der Öffentlichkeit deutlich intensiver nahe gebracht werden.

J.T.: Gibt es sonst noch etwas, was Sie unseren Lesern mitteilen möchten?

M.Q.: Bei ethno-politischen Themen im Kaukasus sollte man sich immer der dortigen Gesamtsituation bewusst sein. Der Kaukasus ist eine sehr zersplitterte Region mit vielen kleinen Teilkonflikten zwischen den verschiedenen Ethnien. So gibt es bis heute die noch immer ungelöste Gebietsanspruchsproblematik zwischen den Osseten und den Inguschen. Nachdem Stalin die Inguschen und Tschetschenen nach Sibirien deportierte, siedelte er Osseten auf ursprünglich inguschischem Siedlungsgebiet an. Seit die Inguschen zurückkehren durften, gibt es Streit um dieses Gebiet, was in den 90er jahren auch zu kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen Inguschen und Osseten führte. Recht haben und Recht bekommen, sind oftmals Zweierlei. Darum sollte man sich nicht der Illusion hingeben, dass die kaukasischen Völker darauf warten, dass ein einst vertriebenes Volk dorthin zurückkehrt, bzw. dass ein solches Unterfangen leicht zu bewerkstelligen ist.

J.T.: Ich danke Ihnen sehr für dieses wichtige Interview und hoffe, Sie auch auf einer unserer Tscherkessichen Veranstaltungen in Deutschland begrüßen zu dürfen.

Röportaj: Jinal Tamzuqo    25/02/2012 - Deutschland


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